Es ist wieder so weit. Die Fußball-Weltmeisterschaft rückt näher, und mit ihr kehrt eine vertraute Mischung aus Vorfreude und vorsichtigem Optimismus zurück ins Land. Nach den WM-Vorrunden-Aus 2018 und 2022 steht die DFB-Elf unter einem Erwartungsdruck, der sich kaum in Worte fassen lässt.
Das Land, das 2014 in Brasilien als Weltmeister triumphierte, will endlich wieder dort sein, wo es hingehört. Bundestrainer Julian Nagelsmann hat eine junge, talentierte Mannschaft geformt.
Die Gruppe E auf dem Papier ist machbar. Die Voraussetzungen stimmen. Aber wie realistisch ist ein gutes WM-Turnier für Deutschland wirklich, und was könnten die größten Stolpersteine sein?
Gruppe E: Eine machbare Auslosung mit versteckten Tücken
Auf dem Papier hätte die Auslosung für Deutschland kaum besser laufen können. Die Gruppe E umfasst Deutschland, Ecuador, die Elfenbeinküste und Curacao. Kein Topfavorit, kein Angstgegner aus der allerersten Reihe.
Deutschland ist mit einer Buchmacherquote von rund 1,40 auf den Gruppensieg der klare Favorit in dieser Konstellation. Laut KI-Analyse liegt die Wahrscheinlichkeit, die Gruppenphase zu überstehen, bei beeindruckenden 96 Prozent.
Doch wer jetzt entspannt zurücklehnt, täuscht sich. Curacao feiert zwar sein WM-Debüt und ist nominell der klare Außenseiter, aber die Karibik-Mannschaft ist technisch gut ausgebildet mit einer deutlich niederländisch geprägten Spielweise.
Ecuador bringt eine der strukturiertesten Defensiven der gesamten Gruppe mit, spielt diszipliniert im 4-3-3 und nimmt jedem Gegner konsequent den Rhythmus. Die Elfenbeinküste ist der eigentliche Prüfstein.
Als amtierender Afrikameister qualifizierte sich das Team um Franck Kessié, Amad Diallo und Nicolas Pépé ohne eine einzige Niederlage und ohne ein einziges Gegentor. Das klingt nicht nach einer Gruppe, in der man die Gruppenphase schlafwandelnd überstehen kann.
Einen vollständigen Spielplan mit Terminen, Uhrzeiten und einer Analyse aller vier Teams findest du bei wettbasis.com.
Der WM-Kader 2026: Stärken, Fragezeichen und Rückkehrer
Bundestrainer Julian Nagelsmann hat seinen 26 Mann umfassenden WM-Kader Mitte Mai bekanntgegeben. Angeführt wird das Aufgebot von Kapitän Joshua Kimmich, der bei seiner dritten WM eine Führungsrolle übernimmt. Und dann sind da die beiden Namen, auf die ganz Deutschland schaut: Jamal Musiala und Florian Wirtz.
Wirtz, inzwischen beim FC Liverpool unter Vertrag, hat sich nach seinem Mega-Transfer im Sommer 2025 etabliert und bildet mit Musiala das vielleicht spannendste Kreativduo des gesamten Turniers. Nagelsmann bezeichnet sie nicht ohne Grund als unverzichtbar.
Über Musiala sagte der Bundestrainer bei der Kaderbekanntgabe: „Selbst wenn er nur bei 95 Prozent wäre, ist er immer noch einer der außergewöhnlichsten Spieler, die dieser Planet hat.“ Musiala hatte die erste Saisonhälfte nach einer Verletzung bei der Klub-WM verpasst, gilt aber pünktlich zum Turnier als wieder topfit.
Als Sturmspitze setzt Nagelsmann auf Nick Woltemade. Der 1,98 Meter große Angreifer hat nach seinem Transfer von Stuttgart zu Newcastle eine starke Premier-League-Saison gespielt und soll im WM-Sommer die Rolle der klassischen Neun übernehmen, die Niclas Füllkrug nach seinem Kaderaus nicht mehr ausfüllen kann.
Im defensiven Mittelfeld setzt Nagelsmann auf Aleksandar Pavlovi?, flankiert von entweder Felix Nmecha oder Leon Goretzka. In der Abwehr führt Antonio Rüdiger das Team an, unterstützt von Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck.
Den Rückkehr von Manuel Neuer als Nummer eins im Tor war die vielleicht meistdiskutierte Entscheidung vor dem Turnier. Alle Details zum vollständigen DFB-Aufgebot für die WM 2026 hat der DFB auf seiner offiziellen Seite zur Kaderbekanntgabe zusammengefasst.
Die Stärken: Warum Deutschland wirklich gefährlich sein kann
Wenn du fragst, was Deutschland stark macht, gibt es eine klare Antwort: Offensivpower. Die Kombination aus Wirtz und Musiala im kreativen Zentrum ist in der gesamten WM-Endrunde nahezu ohne Vergleich.
Beide sind jung, technisch außergewöhnlich und haben bei der Heim-EM 2024 bereits bewiesen, dass sie auf größten Bühnen ihre Leistung bringen können. Wenn dieses Duo in Topform ist, kann Deutschland gegen jeden Gegner der Welt gewinnen.
Dazu kommt ein Kadermarktwert von rund 784 Millionen Euro, der Deutschland noch vor Argentinien einreiht.
Das ist ein klares Signal, dass die individuelle Qualität des Kaders enorm ist. Und Nagelsmann hat in seiner bisherigen Amtszeit Bewundernswertes geleistet: Er hat eine Mannschaft mit echtem Teamgeist, klarer taktischer Identität und einer Jugend geformt, die keine Angst vor großen Namen hat.
Die Chancen in der K.o.-Phase: Wo wird es wirklich schwer?
Kommen wir zum entscheidenden Teil. Die Gruppenphase schaffen, das traut Deutschland mit Recht fast jeder zu. Aber was passiert danach? Laut Simulationen liegt die Chance auf das Viertelfinale bei 33,9 Prozent, auf das Halbfinale bei 20,6 Prozent und auf das Finale bei 11,0 Prozent. Der Titelgewinn selbst wird mit rund 5,7 Prozent beziffert.
Diese Zahlen klingen nüchtern, erzählen aber eine wichtige Geschichte: Deutschland ist realistisch gesehen ein Viertelfinalist, der an einem sehr guten Tag auch in das Halbfinale und sogar in das Finale einziehen kann. Ein Titelsieg wäre möglich, aber klar ein Außenseiter-Szenario. Die Buchmacher sehen das ähnlich: Die aktuelle WM-Quote für Deutschland als Weltmeister liegt bei rund 13,00 bis 15,00.
Der mögliche Turnierbaum nach dem Gruppenspiel ist dabei ein entscheidender Faktor. Als Gruppensieger trifft Deutschland im Sechzehntelfinale zunächst auf einen Gruppendritten aus den Gruppen A, B, C, D oder F. Das wären machbare Gegner wie Südkorea, die Schweiz oder Australien.
Sollte Deutschland aber nur Zweiter werden, wartet als möglicher Achtelfinalgegner schon Frankreich. Genau das wäre der frühzeitige Alptraum für das DFB-Team.
Die Konsequenz ist klar: Der Gruppensieg ist kein nettes Extra, er ist Pflicht. Eine umfassende Chancenanalyse mit aktuellen Wettquoten liefert 90min.de mit dem Supercomputer-Bericht zu Deutschlands WM 2026 Chancen.
Die Schwächen: Was gegen den Titelgewinn spricht
Ehrlichkeit ist hier gefragt. Deutschland hat echte Baustellen, die im Turnierverlauf zum Problem werden können. Die Defensive ist das erste Thema.
Rüdiger ist eine Weltklasse-Persönlichkeit, aber die Abstimmung zwischen den Innenverteidigern und dem Rest der Mannschaft war zuletzt nicht immer stabil. In K.o.-Spielen gegen physisch starke Gegner könnte das zur echten Schwachstelle werden.
Das zweite Risiko ist die Abhängigkeit von wenigen Schlüsselspielern. Wenn Musiala oder Wirtz durch Verletzung oder schlechte Form ausfallen, verliert das deutsche Spiel dramatisch an Kreativität und Unberechenbarkeit.
Es gibt durchaus gute Alternativen, aber kein direktes Pendant für dieses Kreativduo. Die Tiefe hinter den beiden Besten ist also ein echtes Fragezeichen.
Hinzu kommt die ungleichmäßige Form der Mannschaft in der jüngsten Vergangenheit. In der Nations League 2025 schied Deutschland beim Final Four im Halbfinale gegen Portugal aus. Das war keine Katastrophe, aber auch kein Titelgegner-Auftritt.
Bei einer WM, wo jedes Spiel ein Endspiel ist, können solche Formkurven der Unterschied zwischen Viertel- und Halbfinale sein. Alle Einschätzungen zu Deutschlands Stärken und Schwächen hat fussballnationalmannschaft.net in einer ehrlichen Analyse zu Deutschlands WM-Titelchancen zusammengestellt.
Deutschland im internationalen Vergleich: Wo steht die DFB-Elf?
Im Vergleich mit den anderen Topnationen liegt Deutschland im erweiterten Favoritenkreis, also hinter Spanien, England, Frankreich und Argentinien, aber vor einer Reihe von Teams, die ebenfalls Ambitionen haben. Im FIFA-Ranking belegt Deutschland derzeit den zehnten Platz, hinter den Niederlanden (7.), Marokko (8.) und Belgien (9.). Das ist ein Platz, der die ehrliche Einordnung sehr gut trifft.
Was für einen WM-Erfolg spricht, ist die Tatsache, dass Turniere eigene Gesetze schreiben. Die EM 2024 zeigte, dass Deutschland in einem Heimturnier mit lautem Rückenwind und begeistertem Publikum eine ganz andere Mannschaft sein kann als in ausländischen Testspielen.
Das Viertelfinale gegen Spanien 2024, ein Spiel, das in der Verlängerung entschieden wurde und in dem Deutschland bis zur 119. Minute mindestens ebenbürtig war, ist das beste Argument für die These: Diese Mannschaft kann jeden schlagen.
Deutschland startet am 14. Juni um 19 Uhr MESZ in Houston gegen Curacao in die WM 2026. Es folgen Ecuador am 20. Juni und die Elfenbeinküste am 25. Juni als größter Prüfstein der Gruppe.
Wenn die Grundlagenarbeit stimmt, wenn Musiala und Wirtz ihr Beste-Form-Niveau erreichen, und wenn Nagelsmann die richtigen taktischen Anpassungen in K.o.-Spielen findet, dann ist ein tiefer WM-Lauf absolut realistisch. Ein fünfter Stern bleibt das Traumziel. Und manchmal werden bei Weltmeisterschaften Träume wahr.
Datum: 5. Juni 2026 / Zuletzt aktualisiert: 5. Juni 2026